SG Immergrün Tutzing e.V.
Die Anfänge – lange vor dem offiziellen Beginn
Die Geschichte der Schützengesellschaft Immergrün Tutzing beginnt, noch bevor diese einen Namen trug. Bereits Anfang der 1920er Jahre formierte sich am Starnberger See eine kleine Schützengruppe, die zwar ohne Fahne, ohne König und ohne Eintrag in der Gaurolle auftrat, den Schießsport jedoch mit Ernsthaftigkeit und Leidenschaft betrieb. Beim Gauschießen der [AW1]
Diese frühe Präsenz ist bis heute Ausdruck eines Selbstverständnisses, das den Verein prägt: Der Sport stand stets an erster Stelle, die Leistung vor der Darstellung.
„Erfolg im Schießsport beginnt lange vor dem Schuss.“
— Heinz Reinkemeier, mehrfacher Weltmeister, Trainerlegende
Die Gründung – Vision und Tatkraft (1926)
Der eigentliche Gründungsakt erfolgte am 31. August 1926 im Tutzinger Sommerkeller. Fünf Bürger fassten den Entschluss, eine zweite Schützengesellschaft in Tutzing zu gründen. An ihrer Spitze stand Johann Cattaneo, ein begeisterter und bereits weithin anerkannter Schütze. Weitere Gründungsmitglieder waren Alois Grill, Franz Mischek, Robert Riedel und Christian Schmid.
Johann Cattaneo war nicht nur Gründungsmitglied, sondern der prägende Kopf der jungen Gesellschaft. Als am 7. November 1926 auf Zuruf die Vorstandschaft gewählt wurde, erhielt Cattaneo das Amt des ersten Schützenmeisters. Fortan führte er den Verein mit persönlichem Engagement, sportlichem Anspruch und organisatorischem Geschick. Der Name „Immergrün“ wurde früh zum Programm – als Symbol für Beständigkeit, Erneuerung und Verwurzelung.
Die finanziellen Mittel waren bescheiden (der monatliche Beitrag belief sich auf 40 Kreuzer, die Aufnahmegebühr auf 1 Reichsmark), die Ziele dagegen klar. Bereits in den ersten Versammlungen wurde festgelegt, dass sportlicher Ehrgeiz und kameradschaftlicher Zusammenhalt gleichrangig sein sollten.
Wachstum, erste Wettkämpfe und sichtbare Zeichen (1927–1939)
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Gesellschaft rasch. Der umtriebige 1. Vorstand war sehr gut vernetzt: als Fahrer der Weizenbierbrauerei, Betreiber des Weizenbierstüberls und Limonadenlieferant kannte er ganz Tutzing und Umgebung. Erste Preisschießen, regelmäßige Schießabende und die Teilnahme an überörtlichen Wettbewerben festigten den sportlichen Anspruch. Ein besonderer Meilenstein war das große Preisschießen 1935, an dem 120 Schützen teilnahmen. Ein Vertreter aus Starnberg überbrachte dem Vorstand Johann Cattaneo große Anerkennung für die gelungene Veranstaltung und verlieh ihm hierfür die silberne Ehrennadel. Der erwirtschaftete Überschuss ermöglichte die Anschaffung der Vereinsfahne, die bis heute zu den wichtigsten Symbolen des Vereins zählt: auf der Vorderseite schmückte diese der Johannishügel, die Rückseite trug eine Adlerscheibe mit zwei gekreuzten Stutzen.
Als Besonderheit der Fahne sei hier erwähnt, dass keine politische Symbolik der damaligen Zeit bestickt wurde. Dies zeigt, dass bei den „Immergrünen“ der Sport und die Geselligkeit seit Beginn an im Vordergrund stand. Warum jedoch das dokumentierte Gründungsjahr 1926 mit der eingestickten Jahreszahl 1925 nicht übereinstimmt, ist bis heute ein Rätsel.
Auch die Schützenkette, deren 1. goldener Taler Anfang der 1930er Jahre durch von Postwirt Hubert Buchfelder gestiftet wurde, unterstrich das gewachsene Selbstverständnis. Sie wuchs mit jeder neuen Königswürde um eine weitere silberne Münze und ist Ausdruck sportlicher Leistung und besonderer Ehre.
„Ein guter Schütze misst sich nicht am Zufall, sondern an Wiederholbarkeit.“
— Lones Wigger, 7‑facher Olympiasieger (Sportschießen)
Neben dem Sport wurden gesellschaftliche Veranstaltungen gepflegt. Sauschießen, Wurstschießen, Strohschießen sowie Bälle und Sommerfeste gehörten selbstverständlich zum Vereinsleben. Sie stärkten den Zusammenhalt und verankerten den Verein fest im Ort.
So war es der „Tutzinger Sommerkeller“, der den Schützen eine erste Unterkunft mit Schießstand in dessen Saal bot: mit 1 Schreibe für 1 Schützen.
Auf einer außerordentlichen Versammlung um 1929 wurde der Umzug in den Gasthof „zur Post“ beschlossen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Nur um kurz darauf, im Frühjahr 1933, wegen Renovierungsarbeiten erneut umzuziehen. Für „einige Zeit“ wollte man in der „Weizenbrauerei“ unterkommen, doch erst nach einem zünftigen „Endschießen“ mit attraktiven Fleischpreisen, Ehrenscheiben und Musik.
Unterbrechung und Neubeginn nach dem Krieg (1934–1949)
Am 11. November 1934 fand die Ausschusssitzung bereits im „Andechser Hof“ statt, da das Kloster Andechs den Gasthof 1933 gekauft hatte.
Der Zweite Weltkrieg brachte das bisherige Vereinsleben dann nahezu vollständig zum Erliegen. Viele Mitglieder waren eingezogen, der Schießsport hatte keinen Platz mehr.
Umso bemerkenswerter war der Neuanfang im Jahr 1949: am 18. Oktober gab es ein Ausschusstreffen im „Andechser Hof“, das erneut maßgeblich von Johann Cattaneo vorangetrieben und von politischer Seite genehmigt wurde. Nach intensiven Gesprächen und erbrachten Nachweisen konnte der Schießbetrieb unter einfachen Bedingungen im Nebenstüberl wieder aufgenommen werden. Bis ins Jahr 1964 sollte dies als Schießlokal der „Immergrünen“ dienen.
Dieser Wiederbeginn markiert einen der wichtigsten Wendepunkte der Vereinsgeschichte. Der Wille, den Schießsport als fairen, friedlichen Wettkampf weiterzuführen, war ungebrochen.
Anekdote aus dieser Zeit:
„Als an einem Schießabend zwei nichts Böses ahnende Tutzinger Bürger draußen an der Wirtschaft vorbeigingen, hörten sie plötzlich über ihren Köpfen ein verdächtiges Zischen und auf der anderen Straßenseite einen deutlich vernehmbaren Einschlag in einer Jalousie. Sie stutzten und stellten ihre Lauscher auf - schon machte es wieder "Patsch" auf der anderen Straßenseite. Da pirschten sie sich vorsichtig in den Andechser hinein um nachzusehen, wer der Urheber dieses "besonderen Vorkommnisses" war. Das Rätsel war schnell gelöst! Die Immergrünen, die immer schon einige besonders zielsichere Schützen ihr Eigen nannten, hatten im Laufe der Zeit ein Loch in den Kugelfang und die Fensterblende geschossen. Durch ein kleines, in die darunter liegende Fensterscheibe gestanztes Loch, pfiffen die Kugeln nun ins Freie, gottlob ohne Schaden anzurichten. Probleme, die man zwangsläufig mit einem Provisorium hat, an das man sich im Laufe der Jahre gewöhnt.“
Geselligkeit und Wettbewerbsgedanke sind vereint (1950-1963)
Die Geselligkeit war neben dem sportlichen Ansporn ein wichtiger Aspekt der Mitgliedergewinnung des Vereins. So wurden neben Bällen und Sommerfesten auch Anfangs-, End- und Königsschießen sowie „Spaßwettbewerbe“ veranstaltet: beim Sauschießen wurde der Saukopf direkt vor Ort verzehrt, bevor man die übrigen Fleischpreise mit nach Hause nahm; beim Wurstschießen galt es den Faden zu treffen (oder die Wurst mit Blei zu beschweren, um es dem Gegner zu „erschweren“), beim Strohschießen waren alle Preise tatsächlich noch in Strohwische eingewickelt.
Im Rahmen der 1200 Jahrfeier der Gemeinde Tutzing organisierte der Verein das 2. Gauschießen. Vom 2. – 17. Mai 1953 traf sich der gesamte Gau bei den gastgebenden „Immergrünen“. Der Grundstein für große Wettbewerbe über die Ortsgrenzen hinaus war gelegt.
Etablierung im Wettkampfsport (1964–1975)
In den folgenden Jahrzehnten festigte sich die SG Immergrün Tutzing als sportlich leistungsfähiger Verein. Die Teilnahme an Rundenwettkämpfen wurde selbstverständlich, und die Tutzinger Schützen galten „mit neuen Seitenspannern“ bald als ernstzunehmende Konkurrenz im Gau.
Mit dem Umzug in das Nebenzimmer des Tutzinger Kellers im Jahr 1964 verbesserten sich die Trainingsbedingungen erheblich. Schützenmeister Staltmaier und Schießleiter Edgar Trost initiierten die Neuerung: fünf abbaubare „richtige“ Schießstände, mit viel Eigenleistung errichtet, ermöglichten einen geregelten und sicheren Schießbetrieb. Trotz der gemeinsamen Raumnutzung mit dem damaligen Billard-Club, die den regelmäßigen Auf- und Abbau der Schießstände bzw. die Unversehrtheit der Billardtische gewährleisten musste, rückte der sportliche Anspruch der Schützen zunehmend in den Vordergrund.
Jubiläen und herausragende Erfolge (1976–1986)
Das 50‑jährige Jubiläum im Jahr 1976 wurde mit einem großen Jubiläumsschießen begangen. 133 Schützen der Altschützen Tutzing, Edelweiß Unterzeismering, Altschützen Traubing, Edelweiß Traubing und St. Sebastian Machtlfing folgten der Einladung. Ein großer gemeinsam gestalteter Festakt mit Gottesdienst und Kranzniederlegung für die verstorbenen Mitglieder unterstrichen die gewachsene Tradition.
Ein sportlicher Höhepunkt folgte im Mai 1986:
Beim 32. Gauschießen in Starnberg erhielt Julius Bernhardt die Gaukönigswürde mit einem sagenhaften 15,8 Teiler und dadurch auch die Berechtigung, den Königsschuss auf dem
Oktoberfest abzugeben. Ein wahrhafter „Schnellschuss“ mit einem 26,5 Teiler bescherte ihm daraufhin sogar die Landesschützenkönigswürde. Dieser Erfolg stellte einen historischen
Meilenstein für den Verein dar und trug den Namen der „Immergrünen“ weit über die Gaugrenzen hinaus.
Die extra vom Schießleiter Alois Müller angefertigte zerlegbare Königskrone wurde nach dem Oktoberfestumzug 1986 zu einem symbolischen Preis an den BSSB verkauft. Bis heute wird sie von jedem Landesschützenkönig getragen, so dass ein Teil „Immergrün“ bei jedem Oktoberfestumzug mit dabei ist.
„Ein einziger Schuss kann Jahre der Arbeit rechtfertigen.“
— Alfred Lane, Olympiasieger und Trainer
Eigene Schießstätte und neue Perspektiven (1987–1999)
Die Suche nach einem neuen Quartier für die SG Immergrün Tutzing wollte kein Ende nehmen, da 1987 die bisherige Schiessstätte „Tutzinger Keller“ von heute auf morgen ihre Türen schloss.
Als Gastschützen kamen die Sportbegeisterten bei den benachbarten „Feldafinger Altschützen“ unter, ein Umstand, der den Gedanken an ein eigenes Schützenhaus aufkommen ließ.
Glückliche Umstände führten ab 1989 zu einer gemeinsamen Schießstätte der Altschützen und den „Immergrünen“: in einer von der Gemeinde Tutzing freigestellten Baracke hinter dem Tutzinger Keller, der sogar einen Pächter fand. Obwohl als Provisorium geplant, bot sie erstmals eine langfristige sportliche Perspektive: eine eigene Schießstätte mit angrenzendem bewirtetem Schützenstüberl, das der mit dem Schießsport so eng verbundenen Geselligkeit endlich gerecht wurde. Auf 8 elektrischen Zugständen samt elektronischer Auswertung konnte nun das sportliche Können unter Beweis gestellt werden.
So war die Einführung der Ortsmeisterschaft im Jahr 1992 geboren, die bis heute ein fester Bestandteil des sportlichen Kalenders der 5 umliegenden Schützenvereine der Gemeinde Tutzing ist.
Der Beständigkeit der „Immergrünen“ und deren Gemeinschaftswillen war es zu verdanken, dass die Kündigung des Pächters des „Tutzinger Kellers“ 1994 keine erneute Unruhe ins Vereinsleben brachte. In den Folgejahren sorge der damalige 1. Schützenmeister Ernst Linzinger mit seiner Frau Gitti jeden Schießtag für das leibliche Wohl der Schützengemeinde – in völliger Eigenregie. Seinem Engagement und dem damaligen Sportleiter Richard Willibold war es zu verdanken, dass ein Zuwachs von 2 auf 13 Jugendliche sowie der Durchmarsch der aufgestellten LP-Mannschaft in die Gauklasse als weitere große Erfolge des Vereins zu verzeichnen waren.
Kontinuität, Nachwuchs und große Titel (2000–2010)
Das 75‑jährige Bestehen im Jahr 2001 wurde mit einem großen Jubiläumsschießen gefeiert. 140 Teilnehmer aus 10 umliegenden Vereinen zeigten die Anerkennung des Vereins in der Region.
Sportlich folgten weitere Höhepunkte:
Diese Erfolge zollten der sportlichen Leistungsfähigkeit des Vereins größten Respekt.
Der eigene Schießstand – ein Quantensprung (2011)
Der Beschluss der Gemeinde in 2006, gemeinsam mit dem TSV eine Dreifachturnhalle am Würmseestadion zu bauen, eröffnete den „Immergrünen“ nun eine unwiederbringliche Chance, die es zu ergreifen galt.
Eingeklinkt in das damalige Ferienprogramm sowie die Ausrichtung eines Volksschießens brachten dem Verein große Außenwirkung und viel positive Resonanz, so dass die Gemeinde die „Immergrünen“ von Anfang an in die Planung des Gebäudes bis zum Baubeginn 2008 mit einbezog.
Viel Bürokratie musste überwunden, Genehmigungen eingeholt und gute Ideen der umliegenden Vereine in Bezug auf hochmoderne Schießstände aufgenommen werden.
Mit der Eröffnung des neuen Schützenheims im Herbst 2011 erreichte der Verein seinen lange verfolgten Traum: in Unabhängigkeit einer Wirtschaft auf zwölf elektronischen Ständen, moderner Auswertung und hervorragenden Trainingsbedingungen hoben die „Immergrünen“ ihren sportlichen Betrieb auf ein neues Niveau.
In der Folge etablierte sich (bereits ab 2008) das 100‑Schuss‑Turnier, das weit über den Gau hinaus Beachtung findet. Auch Zimmerstutzenwettbewerbe (ab 2012) und Gaumeisterschaften wurden regelmäßig ausgerichtet.
Dem Einstieg in den Rundenwettkampf mit einer ersten LG-Mannschaft stand nun auch nichts mehr im Wege. Genauso wenig wie dem Experiment des Bogensports, das knapp 10 Jahre (2015 – 2024) lang von März bis September am Kiesplatz der Turnhalle durchgeführt wurde.
Ende 2015 wurden die ersten Pläne eines technischen Upgrades geschmiedet, der der SG Immergrün Tutzing den Anschluss an die Entwicklung gewähren sollte. Nach erfolgreich genommenen Herausforderungen im Antragsdschungel konnte bereits im Herbst 2016 auf den neuen State-of-the-Art-Ständen die neue Saison begonnen werden.
Auch in die Jugendarbeit wurde kräftig investiert: damit auch die Kleinsten ab 8 Jahren die Vorteile des Schießsports spüren können, gab es ab der Saison 2018 eine Wertung für das dafür angeschaffte Lichtgewehr.
Ehrungen, Engagement und Gegenwart (2012–2025)
Ein besonderer Moment war das Jahr 2020, als Ernst Linzinger nach 27 Jahren als erster Schützenmeister sein Amt niederlegte. Ihm wurde 2021 der Titel Ehrenschützenmeister verliehen, später auch die Ernennung zum Gauehrenmitglied – Auszeichnungen für außergewöhnliches Engagement und die damit verbundene Wertschätzung seiner Arbeit.
Mit Armin Ohr (ehem. Sportleiter seit 2013) übernahm eine neue Generation Verantwortung. Große Veranstaltungen wie das Gaudamenschießen 2021 verbunden mit einem „Kids-Cup“ für Kinder unter 12, moderneres Turnierformat des 100-Schuss Turnieres mit Finaldurchgängen in der Würmseehalle und stetige Nachwuchsarbeit prägten die jüngste Vergangenheit.
Ein sportliches Ausrufezeichen setzte der Verein 2025 mit vier Hans‑Bösl‑Pokalen in Folge (Gemeinschaftsmannschaft zusammen mit den Wildschützen Pentenried), errungen von Nachwuchs- und Leistungsschützen – ein eindrucksvoller Beleg für nachhaltige Vereinsarbeit.
„Nachwuchs ist kein Zufall, sondern Ergebnis konsequenter Förderung.“
— Deutscher Schützenbund, Nachwuchsleitlinien
Schlussgedanke
Die Schützengesellschaft Immergrün Tutzing e.V. blickt stolz auf eine hundertjährige Geschichte zurück. Sie ist geprägt von sportlichem Ehrgeiz, von außergewöhnlichen Persönlichkeiten und von der festen Überzeugung, dass Tradition und Fortschritt keinen Widerspruch darstellen.
Immergrün steht für Beständigkeit – und für sportlichen Anspruch.
Gestern, heute und die nächsten 100 Jahre.
Gut Schuß!
